Freitag, 14. März 2014

Die Salzszene - Vierter Teil


Die Männer sprachen nicht viel miteinander. Sie wirkten erschöpft, genau wie ihre Tiere. Offenbar hatten sie bereits eine weite Reise hinter sich. Keine Frau dabei, das war nicht so gut.
Und doch spürte ich plötzlich den Drang, mich mal wieder zu unterhalten. Immerhin hatte ich dieses Jahr meine Reise in die Menschenstadt nicht angetreten – ich war also quasi auf Mensch-Entzug.
Daher stand ich ganz plötzlich auf, ohne vorher wirklich den festen Entschluss gefasst zu haben, und trat aus der Höhle, als würde ich das jeden Tag machen: aufstehen und mich einer Horde wildfremder Männer präsentieren. Ich musste verrückt geworden sein.
Ein Mann mit ungepflegten Wuschellocken sah mich als erstes. Er ließ vor Überraschung seine Tasse fallen und deutete auf mich. Sofort wandten sich mir alle acht Köpfe zu.
Ich starrte in grimmige, verwirrte, überraschte und interessierte Gesichter.
„Hallo!“, sagte ich schwach und winkte etwas dämlich in die Runde. Sie hockten etwa zwanzig Meter von meiner Höhle entfernt. Selbst die Waris starrten mich an. Ich räusperte mich, da meine Stimme belegt klang. Kein Wunder: Ich hatte seit zwei Tagen nicht mehr viel gesprochen. Das Salz hatte sich wie ein dicker Pelz auf meine Zunge gelegt.
„Lasst euch nicht stören. Ich wollte eh gerade gehen.“
Etwas ungelenk stolperte ich aus der Höhle hinaus, über die spitzen Salzsteine hinweg. Da kam Bewegung in die Menge. Fünf der Männer standen auf, einer machte Anstalten, sich mir in den Weg zu stellen.
Ich blieb sofort stehen und blickte ihn an.
Mein Mut sank bis in den Untergrund, bis zum Erdkern. Dieser Typ hatte ein dreckiges, fieses Grinsen aufgesetzt. Ich ahnte schon, was er sagen würde, noch ehe er es aus seinen halb vergammelten Zähnen hervor quetschte.
„Na, mein Täubchen, wo kommst du denn her?“, gurrte er. Vielleicht sollte das nett oder sogar verführerisch klingen, mir jagte seine tiefe, gutturale Stimme sofort Angst ein.
Fliehen oder weiter sprechen? Weglaufen oder bleiben?
Ich zögerte eine Millisekunde zu lang. Die hatte der Typ genutzt, um sich noch weiter zu nähern. Jetzt verstellte er mir den direkten Weg Richtung Wald. Nicht gut. Gar nicht gut.
„Ich und… äh… meine acht Brüder holen hier immer Salz!“, stammelte ich. Im Lügen war ich echt mächtig mies. „Die anderen holen grad Wasser. Äh… ich schau mal, wo sie bleiben.“
Der Typ musterte mich und ich wurde rot. Er ging noch nicht mal auf meine schlecht vorgetragene Lüge ein, sondern grinste nur und wandte sich seinen Kumpels zu.
„Was meint ihr? Wollen wir unser Täubchen nicht zu uns ans Feuer holen?“
„Bist du bescheuert? Haste dir mal ihr Gesicht angeguckt? Die ist irgendwie verzaubert oder Schlimmeres“, erwiderte einer aus der Menge heraus. Ein Knarzen ertönte. Ich kannte das Geräusch und mir blieb fast das Herz stehen. Jemand hatte einen Bogen gespannt. „Ich erschieß das Vieh und dann verschwinden wir!“
Vieh … Das war neu. Ich war ein Monster, eine Missgeburt oder auch die Wilde gewesen. Aber Vieh? Das war vermutlich sogar noch eine Nummer unter allen Beleidigungen angesiedelt.
„Ich …!“, setzte ich empört an, kam aber nicht weiter. Denn mein Veddawolf krachte mit einem Satz aus dem Wald heraus, ohne ein Wort, kein Knurren, keine Warnung, kein Grummeln.
Er sprang, zwei Sätze, drei – dann war er mitten zwischen den Männern. Jemand kreischte, dann schmatzten riesige Kiefer in menschliches Fleisch. Ein Gurgeln, dazwischen ein „Scheiße! Was ist das?“ und ein „Mach es kalt, knall es…!“
Der Sprecher kam nicht mehr dazu, den Satz zu vollenden. Ohne Kehle spricht es sich nicht gut.
Es war ein Gemetzel.
Keelin hielt sich nicht sonderlich damit auf, erst zu fragen, ob alle mich hätten erschießen wollen. Es war, als tobe ein dunkler, unheimlicher Schatten zwischen den Fremden.
Ich sah mehrere Messer aufblitzen, ein Schwert sauste auf Keelin zu, doch er wich der Gefahr fast spielerisch aus und verwandelte den Angriff in eine Attacke.
Und das Unheimlichste war weiterhin, dass er keinen Laut von sich gab.
Ich glaube, er hätte sie alle getötet, wenn ich nicht irgendwann gekreischt hätte: „Keelin! Hör auf, hör auf!“ Ich machte Anstalten, auf die panischen Menschen zuzugehen – da stand Keelin plötzlich vor mir und verstellte mir den Weg.
Er wirkte größer als sonst. Normalerweise ging mir seine Schulter bis zu meiner, jetzt reichte sie bis über meinen Kopf. Seine Augen schimmerten unheimlich rot, an seinen Zähnen klebte Blut und wer weiß was noch … und um seine Pfoten waberte eine Schwärze, als sei sie lebendig: Wie Rauch, nur mal durchsichtig, mal nicht. Es war das unheimlichste, was ich je erlebt hatte.
Während wir uns anstarrten, hatten sich die Überlebenden zu einem Knäuel aus Schwertern formiert. Alle Waffen, die sie hatten, zeigten auf uns, und sie alle zitterten in den Händen ihrer panischen Besitzer.
Als ich von Keelin aufsah, blickte ich in zu Tode entsetzte Gesichter. Nicht mehr höhnisch, nicht mehr interessiert – nur noch nackte Todesangst. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also schwiegen wir, während sich die Brustkörbe der vier Überlebenden hektisch hoben und senkten.
Es war ein Mann mit schrecklich schräger Nase und vernarbten Wangen, der als erster sprach. „Wir ergeben uns!“, sagte er in einem schwer zu verstehenden Dialekt. „Halte deinen Teufel zurück und wir verlassen diesen Ort. Du wirst uns nie wiedersehen, Hexe!“
Interessant. Von Vieh zu Hexe. Das war doch mal was.
„Ich bin keine Hexe!“, stellte ich dennoch richtig. „Und ihr habt angefangen: Ihr wolltet mich zuerst töten. Ich wollte gehen.“ Meine Schultern sackten nach vorne und mein Magen revoltierte. Ich zwang meinen Körper zur Raison. Ich musste jetzt stark sein.
„Ich geh jetzt!“, sagte ich deutlich fester. „Ihr könnt eure Toten bestatten.“
Keelin starrte mich von vorne an und trat dann fast majestätisch neben mich, sodass seine Schulter meine berührte. Mit jedem Muskel in seinem Körper sagte er den Männern: Rührt euch – und ihr seid tot.
Ich hatte ihn noch niemals so unheimlich gesehen.
„Komm!“, sagte ich, packte in Keelins Fell und zog ihn zur Seite weg. Er folgte tatsächlich meiner Aufforderung. Die Schatten zu seinen Pfoten ahmten die Bewegung nach. Es war, als zöge er einen Schweif aus schwarzem Feuer hinter sich her.
Die Schwerter folgten unseren Schritten, als wir an den Männern vorbeigingen. Sie ließen uns nicht eine Sekunde aus den Augen, die Spannung war fast greifbar.
Daher war ich auch etwas überrascht, als einer der Männer mich noch einmal ansprach.
„Pass auf, mit welchen Mächten du dich einlässt!“, sagte er mit zittriger Stimme. „Das da an deiner Seite ist kein Veddawolf!“
Ich blickte auf und sah den Sprecher an – der älteste der Überlebenden, über und über mit Blut besudelt. „Ich weiß!“, sagte ich. Dann waren wir vorbei und schlugen uns in den Dunklen Wald. Ich war noch niemals so froh gewesen, zwischen Nadelgehölz verschwinden zu können.

Die Fortsetzung findet ihr hier

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Danke für die Nachricht. Ich muss sie noch freischalten. Dann wird sie so schnell wie möglich hier erscheinen. Herzliche Grüße. Liane.